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Schauspiel

Zustimmung wurde in den letzen 20 Jahren als zeitgemäßes Verhalten behauptet. „Please confirm“ wird man digital mehrfach am Tag aufgefordert, egal ob man eine Fahrkarte löst oder nach der Erstausgabe eines Textes sucht. Es ist die häufigste Anforderung, die an uns gestellt wird, und es wäre ja auch ein bizarrer Unsinn, nicht zu confirmen. Es gibt dafür auch gar kein Symbol. Wenn man „confirm“ nicht klickt, muss man entweder wieder von vorne anfangen oder aufhören. Seit einem guten Jahr scheint Nicht-Einverstanden-Sein wieder eine Möglichkeit. Ob die sogenannte Finanzkrise nun eine Krise war oder eine Intrige zur Marktbereinigung, der noch einige weitere folgen werden – sie hat doch das Vorstellungsvermögen wieder geöffnet. Auf einmal gibt es einen Raum für Nicht-Zustimmung, für Infragestellung, für den Gedanken von der Veränderung aller Verhältnisse, für die Praxis des „Anders“. Vernünftig ausgedrückt: Politisches Denken hat gegen den  Marktfundamentalismus wieder eine Chance.

„Alles anders?“ als Frage kann sich auf vieles beziehen: Auf die Politik, die Gesellschaft, auf die Kunst, auf die eigene Biografie, die künstlerische Arbeit. Man kann auch beweisen, dass es den Aktivitätsraum gar nicht mehr gibt außer als Retro früherer Anders-Versuche.
Das „Anders“ ist eine Energie, ein Potential der Neugier; es ist kreativer als das Einverständnis.
Kunst ist natürlich immer Anders-Energie. Auch die darstellende Kunst ist Anders-Energie mit immer noch teilweise vorhandenem Repräsentationszwang. Wenn sie in der Repräsentation aufgeht, hört sie auf Kunst zu sein.

Im Schauspielprogramm, das in seiner ästhetischen Formulierung notwendigerweise heterogen ist, wird „Alles anders?“ auf Gesellschaft, Biografie und Kunst hin thematisiert. Es gibt Versuche, die wie Krystian Lupas große Arbeit Factory 2 eine Anders-Energie der Vergangenheit spiegeln, oder wie die junge estnische Gruppe NO99, die sich mit Beuys im Gepäck durch alle Formen zeitgenössischer Bühnenavantgarden performen, weil sie einer Trachten-verliebten Kulturministerin klar machen müssen, dass sie das Andere in der Kunst suchen. In der Reihe der von den Festwochen kommissionierten Lecture Performances werden bildende und darstellende Künstlerinnen und Künstler der Frage explizit und auf heute und die Zukunft bezogen nachgehen. Außerdem wird die Wiener Performance-Gruppe God’s Entertainment einige von der Allgemeinheit als „überflüssig“ betrachtete Menschen zu angesehenen österreichischen Berufsausübern recyceln, und die Hamburger Konzept-Gruppe geheimagentur wird mit sechs Künstlern und chinesischen Spezialisten aus Dafen Kunstwerke und Ereignisse auf Wunsch kopieren. Die Reihe im project space in Kooperation mit der Kunsthalle Wien ist eine der Eigenproduktionen des diesjährigen Programms. Alle Lectures und auch die Arbeiten der beiden Gruppen sind Auftragsarbeiten für die Wiener Festwochen. Insgesamt sind es dieses Jahr fünf in Wien und für Wien probierte, erarbeitete Produktionen: Die Lecture Performances und Installationen im project space. Luc Bondy inszeniert am Burgtheater Euripides unbekanntes Helena-Stück, das Peter Handke neu für ihn übersetzt hat. Alvis Hermanis wird in einer neuen Arbeit mit seinem lettischen Ensemble des Jaunais Rīgas Theaters den besonderen Beerdigungsriten und Totengeschichten seines Landes nachgehen. Der Prolog spielt auf dem Wiener Zentralfriedhof. Rimini Protokoll befragt 100 Wienerinnen und Wiener in 100 Prozent Wien, um ein repräsentatives Porträt der Stadt herzustellen. Der südafrikanische Künstler Brett Bailey wird im Wiener Völkerkundemuseum eine neue Installation entwickeln, in der es um die kolonialen und postkolonialen Verbrechen der Europäer geht, speziell den Genozid, den die Deutschen an den Ureinwohnern Namibias verübten. Eines der internationalen Gastspiele der Festwochen ist ein szenisches Konzert aus Kinshasa. more, more, more... future verlangt der Choreograf und Theatermacher Faustin Linyekula für sein Land. Die koreanisch-amerikanische Künstlerin Young Jean Lee lässt uns in The Shipment über unseren verdrängten Rassismus stolpern und zeigt, welche Stereotypen das weiße Amerika nach wie vor für die Biografien der Afroamerikaner bereit hält. Eine kleine Arbeit aus dem Iran formuliert in der Hohlform der Angst ein freieres Leben. Daniel Veronese hat mit geradezu verblüffend guten Schauspielern Ibsens Nora in argentinische Gegenwart, in das Milieu verarmter Kleinbürger versetzt, die sich immer noch Bürgerlichkeit vorspielen einschließlich der Geschlechterrollen und in Wirklichkeit um ihre Existenz kämpfen. Der brasilianische Regisseur Enrique Diaz wird mit einem Kollektiv verschiedener darstellender Künstler und Künstlergruppen aus Rio de Janeiro die Gegenwart dieser Stadt nach den Vorzeichen des Anderen, auch nach der Angst vor dem Anderen absuchen. Es wird sich um ein „Kollektiv“ verschiedener künstlerischer Arbeiten und Ansätze handeln, die Enrique Diaz zu einer Gesamtregie verbindet. Sie heißt „Das Andere“ und wird diesen Frühsommer in Brüssel, Dresden und Wien ihre Premieren haben. Meg Stuarts neue Choreografie Do Animals Cry behauptet mit sechs Tänzern, die als verrückte Familie und als rabiate Einzelkämpfer auftreten, eine Gefühlsveränderung, die die Menschen in eine andere Spezies verwandelt und Alain Platel zeigt in seiner neuen Arbeit Out of Context einen anderen, nicht gesellschaftsfähigen Zustand der Seele und des Körpers, vor dem wir uns fürchten. Kornél Mundruczó erzählt in seiner Budapester Theatralisierung des Zukunftsromans Das Eis von Vladimir Sorokin, wie im Alltag einer russischen Großstadt, der ein sozialer Kampfplatz aller gegen alle ist, eine zukünftige Sekte, die das Reich einer ausersehenen, teils rassischen, teils esoterischen Elite gründen möchte, ihre Mitglieder rekrutiert und einen totalitären Staat errichtet. Dem japanischen Künstler Toshiki Okada und seiner Gruppe chelfitsch sind mit der neuen Arbeit Hot Pepper, Air Conditioner, and the Farewell Speech beängstigende Szenenkondensate aus dem Leben der heutigen Angestellten in der absoluten Disziplin und absoluten Panik unter den Bedingungen prekärer Arbeitsverhältnisse gelungen – in einer ungewöhnlichen Form zwischen choreografischem und sprachlichem Ausdruck.

Das Forum Festwochen zeigt neue Arbeiten der „Generation danach“ aus dem ehemaligen Jugoslawien, einer Generation, die ihre Kindheit im Sozialismus verbrachte, und die jetzt ihre neuen Identitäten als Serben, Bosnier, Kroaten befragt. Zwei Schauspiele aus Kroatien und Serbien, zwei Performances von serbischen und bosnischen Künstlerinnen und zwei interaktive Arbeiten von in Wien lebenden Künstlern serbischer Abstammung, eine davon Bed and Breakfast von Alexander Nikolic, seitens der Festwochen kuratiert, bilden das diesjährige Forum Festwochen.

Neben den „anderen“ Formen des Theaters stehen die Schauspielinszenierungen auf großen Bühnen, einige davon mit ungewöhnlicher Länge, sodass man den ganzen Tag oder die ganze Nacht in der anderen Welt verbringen kann. Robert Lepages modernes Epos Lipsynch erzählt letztlich eine Familiengeschichte oder das Mosaik einer Familiengeschichte, die sich natürlich in Fragmenten und an sehr unterschiedlichen Orten der Welt zuträgt. Er erzählt mit der diesem Künstler eigenen Fähigkeit, unsere Gegenwart wahrzunehmen und aus kleinen, verstreuten Begebenheiten eine große besondere Fabel zu machen, anders gesagt: unsere Gegenwart anhand marginaler Begebenheiten als große Fabel zu erzählen. Peter Steins Dämonen-Fassung und Inszenierung entstand letzten Frühsommer in seiner Scheune in Italien. Er hat sich vorgenommen, diesen Roman nachzuerzählen, nicht zu interpretieren. Frank Castorfs Nach Moskau nach Tschechows Drei Schwestern und seiner Erzählung Die Bauern wird die unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben vor der Revolution gegeneinander schneiden. Die Inszenierung in deutscher Sprache wird in Moskau Premiere haben, dann zu den Festwochen kommen. Die beiden Inszenierungen von Luc Bondy haben klassische Vorlagen und sind trotzdem Uraufführungen. David Harrower hat Arthur Schnitzlers Liebelei in das englische Sweet Nothings transformiert, Luc Bondy verlegt die kleine private Tragödie vor einer Zeitenwende in die 20er Jahre. Euripides Helena-Drama ist ein kaum aufgeführtes, höchst eigenartiges Fundstück, das Peter Handke neu übersetzt hat. Die bereits erwähnten Inszenierungen Factory 2 von Krystian Lupa und Das Eis von Kornél Mundruczó sind unbedingt zu den großen Schauspielinszenierungen zu rechnen. Zu Beginn und am Schluss des Schauspielprogramms sind zwei Stücke von Elfriede Jelinek zu sehen, der Autorin der anderen Sprache und des Anders-Wollens schlechthin, die sich auf ein Stück österreichische und deutsche Geschichte, einen lange verschwiegenen Massenmord und auf gegenwärtige Verhältnisse beziehen, wobei Rechnitz die Tragödie ist und die Wirtschaftskomödie Die Kontrakte des Kaufmanns die Farce. Wir freuen uns, dass Elfriede Jelinek mit diesen beiden Stücken in so gelungenen Inszenierungen bei den Festwochen vertreten ist.

Stefanie Carp, 10.12.2009