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Schauspiel

„How to get from here to there“, die Frage des indischen Künstlerkollektivs Raqs Media, von dem das diesjährige Bildmotiv der Wiener Festwochen stammt, ist politisch inhaltlich und formal künstlerisch zu verstehen. Wie kommen wir aus unseren Zusammenhängen, historischen und ideologischen Vorbestimmtheiten heraus, und wohin wollen wir denn kommen? Ist das „there“ überhaupt anders als das „here“? Inwieweit ist Kunst in der Lage, immer wieder ein „Alles anders“ zu behaupten? Mehr denn je will man – oder will ein gedachtes „Wir“ einer gedachten, manchmal auch erlebten kritischen Community – sich gegen das behaupten, was schon akzeptiert scheint, wie es offenbar in der „kommenden Gesellschaft“ mit den Menschen gemeint ist. Künstlerische Praxis darf ihr irritierendes, unauflösliches Anderssein nicht aufgeben, sonst ist sie keine. Wie kann sie sich trotzdem politisch artikulieren, und in welchen neuen Formen? Diese Fragen stellen sich sowohl viele Künstler eines Installations- und Performanceparcours in Ausstellungsräumen als auch die Künstler der Inszenierungen in Theaterräumen.
Wer und was ist das politisch Subjektive in uns, in anderen und in den scheinbar betonierten, unentrinnbaren Verhältnissen? „Alle Dinge sind verzauberte Menschen“, sagt Alexander Kluge. Kann Kunst das Lebendige aus dem Verdinglichten lösen? Kann man ein komplett machtbezogenes Reagieren wieder in fragendes Denken verwandeln?
Mit den fatalen ideologischen Potenzialen des 20. Jahrhunderts und ihren Wirkungen in der Gegenwart beschäftigen sich Martin Kušejs Inszenierung von Miroslav Krležas In Agonie und ein neues Musik-Theaterprojekt von Christoph Marthaler: Letzte Tage. Ein Vorabend. Krležas Trilogie beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. In Marthalers Musiktheater geht es um Verlust und Bruch mit der Zivilisation. Im Zentrum stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, welche die nationale Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg im populären Rassismus und Atavismus der Gegenwart spiegeln. Der Überforderung der Ansprüche der puren politischen Gegenwart stellt sich Nicolas Stemann in einem politischen Denkraum mit einer mehrere Tage währenden Dauerperformance Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine.
Angélica Liddell und Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz, Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erleben und politischem Raum. Beide Produktionen entstehen im Auftrag der Wiener Festwochen und sind, wie auch die Premieren von Bruno Beltrão, Mariano Pensotti und Toshiki Okada, wirklich neue Arbeiten. Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit Julia, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class. Eine Reihe neuer, fragiler Performances befragt die eigenen Voraussetzungen: des Raumes, der Repräsentanz und des Zuschauers. Romeo Castellucci mit seiner berühmten und bewegenden Arbeit Sul concetto di volto nel Figlio di Dio und Christian Marclay mit seiner visuellen Konzert-Performance Everyday zeigen eine theatralisierte, nicht repräsentative Kunst im großen Raum. Alle Projekte zwischen Erzählung und abstrahierender Verkürzung, zwischen konzentrierter Geschlossenheit und dezentraler Ausgestelltheit könnten zusammen einen Zustand der Beunruhigung und künstlerisch-politischen Selbstbefragung ergeben.

Stefanie Carp